Diebold von Geroldseck


Lebensdaten
Profess 1505

Personen-ID
Professbuch Band
A
Professbuch Kapitel
VI. Die Mönche des 15. Jahrhunderts., Nr. 11
Professbuchnr.
134

Professdatum
1505

Professbuchtext
Diebold von Geroldseck. Die Stammburg der Geroldseck, die Hohengeroldseck, liegt bei Lahr im Grossherzogtum Baden. Dort wurde Diebold als der Sohn Gangolfs I. und der Gräfin Kunigunde von Montfort geboren. Die Familie war stark verarmt und von den weiblichen Geschwistern unseres Diebold wurden vier in Klöstern (Fraumünster in Zürich, Säckingen und Buchau) versorgt, während die drei Brüder in der Welt blieben. Diebold kam ums Jahr 1499 nach Einsiedeln; er sagte 1527 selber, dass er 23 Jahre im Kloster gewesen sei. Die Gelübde muss er indessen erst um 1505 abgelegt haben, denn Barnabas von Mosax schrieb am 11. Januar 1505, dass er der einzige Konventuale sei. Wir hören aber erst im Herbste 1513 von ihm, wie ihn der 73jährige Abt Konrad, der sich der Last der Regierung nicht mehr gewachsen fühlte, im Einverständnis mit den Schwyzern zum Pfleger des Gotteshauses bestellt. Der Bestallungsbrief wurde später vernichtet, doch haben wir noch vom 18. Dezember 1513 eine Übereinkunft mit Abt Konrad, wonach diesem jährlich 240 Gulden von St. Gerold und Eschenz zu entrichten waren; ebenso durfte er einige Güter des Stiftes samt Pferden und Rindvieh für sich behalten resp. um billigen Preis erwerben, auch die Keller und Häuser des Stiftes mussten ihm offen gehalten werden422. Im Laufe der folgenden zwei Jahre liess der Abt die einzelnen Höfe dem neuen Pfleger huldigen423. Freilich zog sich auch diesmal Abt Konrad nicht von allen Geschäften zurück, sondern erscheint noch öfters in Urkunden.
Der neue Pfleger nahm zunächst den Wiederaufbau der 1509 durch einen Brand beschädigten Kirche und Klostergebäude auf; so liess er einen der beiden Türme, weil sehr stark beschädigt, abtragen und neu aufbauen. Die Sakristei nebst zwei Gemächern wurde neu hergestellt, der Chor ausgemalt, die Apostelstatuen, ein Kreuz und Reliquienbehältnisse angefertigt. Durch die Bildhauer Hans Egenmüllr und Augustin von Schaffhausen liess er einen neuen Hochaltar erstellen. Auch der Marstall, eine Fleischkammer und Schleife wurden neu gebaut, die Teufelsbrücke restauriert. Der Weg über den Etzel wurde verbessert, in Pfäffikon ein neues Kornhaus erstellt. Auch in Einsiedeln verbesserte man die Weiden und erstellte auf der Schweig Alpegg einen neuen grossen Stall. Um all diese Bauten ausführen zu können, musste der Pfleger freilich verschiedentlich Geld aufnehmen, so von Altvogt Hans Weidmann 200 Gulden, von Hans Ort 500 Gulden, von den Schwestern in der Au 120 Gulden424. Hingegen konnte er nach Rapperswil eine Schuld von 1000 Gulden zurückbezahlen. Eine Abrechnung ums Jahr 1517 gewährt uns einen Einblick in den damaligen finanziellen Stand des Gotteshauses425.
Mit Hilfe der Schwyzer und Kardinal Schinners gelang es dem Pfleger, den 1514 mit Konstanz ausgebrochenen Exemtionsstreit zu einem glücklichen Ende zu führen. Leo X. erliess unterm 10. Dezember 1518 eine Bulle, die die s. Z. von den Päpsten Nikolaus V. und Julius II. erteilte Exemtion auf ewige Zeiten ausdehnte und das Stift von jeder Gerichtsbarkeit, Herrschaft, Gewalt, Aufsicht und Visitation des Bischofs, wie auch von jeder Abgabe an diesen befreite426. Dagegen suchte sich zwar der Bischof zu wehren, doch ohne Erfolg. Leo X. bestätigte am 10. Dezember 1518 auch die sogen.
Engelweihbulle427.
Für die persönliche Entwicklung Diebolds war die Berufung Ulrich Zwinglis zum Leutpriester von Einsiedeln, den 14. April 1516, ein folgenschwerer Akt. Zwingli blieb bis in den Dezember 1518 hier; am 1. Januar 1519 übernahm er die Leutpriesterei in Zürich. Für ihn kam Leo Jud nach Einsiedeln, und als dieser 1522 Leutpriester zu St. Peter in Zürich wurde, Johann Oechslin, der vorher in Burg auf einer Stiftspfarrei gewesen war. Mit diesen und andern Männern, wie Mykonius, Franz Zingg, selbst mit Erasmus kam Geroldseck in persönlichen oder doch schriftlichen Verkehr. Kein Wunder, dass er sich ganz den durch diese Männer vertretenen Ideen anschloss. Die dem Stifte unterstellten Pfarreien wurden unter dem Einfluss dieser Freunde mit Anhängern der allmählich immer mehr um sich greifenden kirchlichen Neuerung besetzt, so Einsiedeln mit Leo Jud und Johannes Oechslin, Freienbach mit Franz Zingg, die Ufnau mit Hans Klarer, der 1524 nach Meilen kam, Weiningen mit Stähelin, der kurz in Freienbach als Stellvertreter Zinggs gewesen war. Burg behielt Oechslin neben Einsiedeln bei; seit 1524 hielt er sich wieder dort auf und trat besonders beim Ittingersturm hervor. In Eschenz war Jakob Nusplinger, in Schwerzenbach folgte auf Klarer Keiser, der wiederum Klarers Nachfolger auf der Ufnau gewesen war. All diese Männer führten in den ihnen unterstellten Gemeinden die neue Lehre ein. Diebold war wohl auch beteiligt als Ulrich von Hutten im August 1523 bei Pfarrer Klarer auf der Ufnau ein Obdach suchte; statt der erhofften Heilung fand der unstätte Mann dort bald sein Grab.
Unter diesen Verhältnissen litt natürlich auch die Wallfahrt. Zürich stellte 1524 seinen Bittgang ein, andere Orte folgten. Für das Amt Zürich hatte Diebold noch 1518 das Urbar erneuern lassen; doch bald wollten viele keine Zehnten mehr zahlen, indem sie eben die evangelische Freiheit auch dafür in Anspruch nahm. Dies gab zu vielen Reibereien und Verhandlungen Anlass. In dem Zürich benachbarten Fahr drang die Neuerung ebenfalls ein; die Klosterfrauen traten aus und heirateten.
Wegen schlechter Verwaltung und infolge des engen Verhältnisses Diebolds zu Zwingli wurde seit 1522 das Verhältnis des Pflegers zu den Schwyzern ein gespanntes. Es kam zu Verhandlungen, in deren Verlauf Diebold zu Anfang des Jahres 1525 sein Amt niederlegte; er zerschnitt seinen Bestallungsbrief und zerbrach sein Siegel, von dem sich keine deutlichen Abdrücke erhalten haben. Im März 1525 verliess er plötzlich Einsiedeln und ging heim zu seinen Brüdern428, um ihnen bei ihren Fehden zu helfen. In Einsiedeln griffen die Schwyzer nun kräftig ein; sie setzten, da der alte Abt wenig mehr zu rechnen war, am 20. Januar 1526 Martin von Kriens, einen Laien, «zu einem Regenten und Statthalter des Gotteshauses» mit dem Titel eines «Schaffners des Gotteshauses» ein. Auf ihr Drängen verzichtete Abt Konrad am 20. Juli 1526 auf die Abtei, worauf sie von St. Gallen am 8. August Ludwig Blarer von Wartensee als Abt nach Einsiedeln holten, den sie dort am 14. August einsetzten. Den 1. September 1526 starb Abt Konrad 86 Jahre alt429.
Gegen die Einführung Blarers erhoben die zu Tübingen versammelten süddeutschen Grafen und Freiherren am 16. November 1626 Einsprache, weil er nicht edler Abstammung sei. Bald darauf kam auch Diebold mit seinem Bruder Gangulf und machte seine Ansprüche geltend. Die Schwyzer liessen ihn aber nicht vor und bewogen Gangulf durch gute Worte und Versprechungen, seinen Bruder wieder mit sich zu nehmen. Da man aber offenbar die in Aussicht gestellte Abfindungssumme nicht ausfolgte, kam Diebold zu Anfang 1527 nach Zürich und setzte sich dort im Einsiedlerhofe fest und begann die Gefälle des Klosters im Zürcheramt einzuziehen. Zürich schützte ihn dabei entgegen früher an die Schwyzer gemachten Zusagen. So kam es zu dem sogen. Geroldseckischen Handel, der durch zwei Jahre sich hinzog und viel Aufhebens machte430. Es kam schliesslich zu einem Vertrag, der im Laufe des Novembers 1529 besiegelt und unterzeichnet wurde. Die Gemeinden Meilen, Stäfa, Männedorf, Brütten und Erlenbach, die bisher Geroldseck gezinst und gezehntet hatten, mussten dies wieder wie von alters her dem Stifte tun. Das Stift übernahm die Schulden, die Geroldseck als Pfleger und gegen den Ammann in Zürich zugezogen hatte. Hingegen entschlug sich Geroldseck inskünftig «des Hofes und aller Gotteshausgüter, Leute, Zinsen, Gülten, Gefällen, Nutzungen und Gerechtigkeiten auch jeglicher Verwaltung». Er erhielt als Pension jede Fronfasten 16 Gulden, dazu jährlich im Herbst 30 Eimer Wein von der Trotte in Meilen und auf Martini 30 Mütt Kernen und 30 Malter Haber. Seine Rechtsamen als Konventherr sollte er behalten, «auch für ein Glied und Mitbruder desselben Konvents gezählt, geachtet und gehalten sein und sofern es gedachten Herren von Schwyz gefällig ist mit ihrem Gunst und Willen und nicht anders seinen freien Zugang dazu haben».
Was Geroldseck in der Folge trieb, wissen wir nicht. Jedenfalls hielt er sich weiters in Zürich auf, auch nachdem er den Einsiedlerhof hatte räumen müssen. Wie so manch andere, nahm er sich ebenfalls eine Frau, wie wir den 16. Dezember 1531 erfahren, wo diese auf Güter des Klosters Anspruch erhob431. Mit Zwingli zog Geroldseck den 11. Oktober 1531 in die Schlacht bei Kappel, wo er gleichfalls fiel, der letzte mittelalterliche Konventuale von Einsiedeln.432
Quellen Professbuch
- Gilmont, Jean-Francois. Geroldseck Diebold von,promoteur de la réforme zwinglienne. (Dictionnaire d'Histoire et de Géographie ecclésiastique).
- Pllet, Jacques Vincent. Huldrych Zwingli et le Zwinglianisme. essai de synthèse historique et théologique mis à jour d'après les recherches récentes. Paris: Librairie Philosphieque J. Vrin 1988.
- Bühler, Christoph. Die Herrschaft Geroldseck. Studien zur Entstehung, ihrer Zusammensetzung und zur Familiengeschichte der Geroldsecker im Mittelalter. Stuttgart, Kohlhammer, 1981.
- Schweizer Paul. Die Schlacht bei Kappel. Diebold v. Geroldseck. (Jahrbuch für Schweizer Geschichte 41, 1916).
- Tschudi, Aegidius. Beschreibung des zweiten Kappelerkrieges von 1531. Hrg. v. Theodor von Liebenau in Archiv für schweizerische Reformationsgeschichte 1, 1903.